Die Anfänge der Suchtkrankenhilfe

Warnungen vor den Folgen der Trunkenheit sind zwar bis in die Antike zurückverfolgen, doch das Muster der "Alkoholabhängigkeit" oder die Vorstellung von Sucht als einem Krankheitsbild tauchte erst Ende des 18. Jahrhunderts auf und war wohl einerseits dem "Geist der Zeit", andererseits den Fortschritten der Medizin, Biologie und Chemie geschuldet.

1784 entstanden unter dem Eindruck der Schriften des Arztes und Politikers Benjamin Rush erste Mäßigungs- und Temperenzbewegungen in den USA. Diese bezogen sich anfangs allein auf die soziale und politische Elite des Landes, auf Ärzte, Pfarrer, Politiker und Geschäftsleute. Etwa ab 1830 wurde dann auch die breitere Schicht des amerikanischen Mittelstandes in die Mäßigungsbewegungen einbezogen.

Im Jahre 1851 wurde in Utica, New York, die „Internationale Organisation der Guttempler" gegründet, deren Hauptanliegen schon damals die Rehabilitationsarbeit für Menschen mit Alkoholproblemen war.

In Deutschland fallen die Anfänge einer organisierten, gegen den Alkohol gerichteten Bewegung mit nennenswertem Einfluss in die dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Ihre Verbreitung begann in den evangelischen Provinzen Preußens zur Zeit Friedrich Wilhelm III. 1837 wurden erste Enthaltsamkeitsvereine gegründet, die einen „Kreuzzug gegen den Branntwein" führten. 1845 begann die Anti-Alkoholbewegung allerdings zu stagnieren und fand im Revolutionsjahr 1848 ihr vorläufiges Ende. Erst rund vierzig Jahre später erlebte die organisierte Anti-Alkoholbewegung in Deutschland einen neuen Aufschwung. 1883 wurde in Kassel der „Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke" gegründet. Das Ziel dieses Vereins bestand nicht in der völligen Enthaltsamkeit vom Alkohol, sondern in der strengen Mäßigung beim Konsum. 1890 entstand auf Anregung des Schweizer Professors August Forel der „Internationale Verein zur Bekämpfung des Alkoholgenusses", dessen Grundlage die Anerkennung der unbedingten Alkoholenthaltsamkeit durch seine Mitglieder war.

Während die „Trinkerrettung" und „Trinkerfürsorge" in Deutschland ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Leitbild vorwiegend im fürsorgenden wie im erziehenden Denken und Handeln fand, erkannten auch die Männer und Frauen, die 1885 das Blaue Kreuz gründeten, dass nur die völlige Enthaltsamkeit vom Alkohol zur Befreiung von der Sucht führen konnte. Analog zum Blauen Kreuz entstand auf katholischer Seite 1896 der Kreuzbund; die Guttempler nahmen ihre Arbeit 1889 in Deutschland auf.

1902 gab es in Deutschland etwa zehn abstinente Arbeitervereine. 1903 wurde der „Deutsche Arbeiter-Abstinenten-Bund" ins Leben gerufen. Im selben Jahre wurde „Der Abstinente Arbeiter" als Organ des Deutschen-Abstinenten-Bundes herausgegeben. 1912 hatten sich 20.000 abstinent lebende Menschen organisiert, 2.500 davon gehörten dem Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bund an.

An diesem Punkt ist anzumerken, dass die Abstinenzverbände jener Zeit und bis weit in dieses Jahrhundert hinein Hilfe für Menschen leisteten, die Alkoholprobleme hatten; sie bekämpften dabei in erster Linie die Folgen und Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs. Mit ihren Bemühungen unternahmen sie etwas für andere – sie leisteten Fremdhilfe.

Wandlungen im Selbstverständnis der Abstinenzverbände

Von Suchtkrankenhilfe wird in Deutschland offiziell erst gesprochen, seit durch ein Urteil des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968 Alkoholismus als Krankheit anerkannt wurde. Seit den sechziger Jahren, insbesondere seit Anerkennung der Alkoholsucht als Krankheit, ist eine zunehmende Professionalisierung der Suchthilfe zu beobachten gewesen. Einerseits wurden im Laufe der Jahre die historisch gewachsenen, unterschiedlichen Versorgungsstränge langsam zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt. Andererseits wurden sie differenziert, qualifiziert und erweitert. So entstand ein System der Suchtkrankenhilfe, das bis heute auf drei Säulen fußt: Beratung, Therapie und Nachsorge. Überwiegend wurde dieses System durch die freie Wohlfahrtspflege organisiert.

Die Professionalisierung der Suchthilfe zwang die Abstinenzverbände sowohl ihr Selbstverständnis als auch ihre Stellung im Suchtkrankenhilfesystem zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. Aus den Abstinenzgemeinschaften wurden im Laufe der Jahre Selbsthilfeorganisationen und Helfergemeinschaften. Der Kreuzbund und die Guttempler betonten zunehmend den Selbsthilfegedanken. Neue Zusammenschlüsse wie die Freundeskreise sind als „reine" Selbsthilfegruppen zunächst ohne Anbindung und Verbandstraditionen hinzugekommen. Im Bereich der illegalen Drogen schlossen sich Eltern drogenabhängiger und -gefährdeter Jugendlicher zu Elternkreisen zusammen.

Während der Selbsthilfegedanke bei den Anonymen Alkoholikern von Beginn an die entscheidende Rolle im Hilfekonzept spielte, rückte in den Abstinenzverbänden der Gedanke der „Hilfe zur Selbsthilfe" in den siebziger Jahren und später zunehmend in den Mittelpunkt methodischer Überlegungen. Fand sich früher der Abhängige oft in der Rolle eines Objekts, dem man – aus welchen Motiven auch immer – helfen musste, so zielt die Selbsthilfe darauf, dass der Kranke wieder zum Subjekt wird. Zu einem Menschen, der sich selbst annimmt, der selbst an seiner Krankheit arbeitet, der selbst für seine Genesung verantwortlich ist, der selbst mit seinem Leben zurechtkommt. Dorthin aber ist es für jeden Suchtkranken ein weiter Weg; suchtkranke Menschen müssen erst wieder lernen, sich selbst zu helfen. Dabei hilft die Hilfe zur Selbsthilfe.

Unterstützt wurde die Wende zur Selbsthilfe durch die politische und gesellschaftliche Anerkennung und Förderung der Selbsthilfe im gesamten Gesundheitsbereich.

Die Empfehlungsvereinbarungen zur Behandlung Suchtkranker, die 1978 zwischen den Spitzenverbänden der Krankenkassen und Rentenversicherungsträger beschlossen wurden, führten ebenfalls zu Änderungen im Hilfesystem wie in der Selbsthilfe. Vor allem die Empfehlungsvereinbarung zur Nachsorge aus dem Jahre 1986 löste eine Diskussion über den Stellenwert der Selbsthilfe aus. Die Erkenntnis, daß „eine Entwöhnungsbehandlung ohne nachfolgende Nachsorgephase fast wertlos" ist, machte die Selbsthilfegruppen zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Behandlungsverbundes, insbesondere für den Bereich der Nachsorge. Implizit wurde hier anerkannt, dass die Betroffenen-Kompetenz einen hohen Stellenwert im therapeutischen Verbund hat.

Die Bedeutung der Selbsthilfe allein in der Nachsorge zu sehen, griffe allerdings viel zu kurz, denn die Selbsthilfe wird von Abhängigen nicht allein vor, während und nach einer Therapie angenommen. Oftmals – hier besonders im Bereich der Alkoholabhängigkeit – ist die Selbsthilfe auch die einzige in Anspruch genommene Hilfe auf dem Weg aus der Sucht.

Wo steht die Suchtselbsthilfe heute?

Selbsthilfe im Suchtbereich ist vorrangig im Bereich der legalen Suchtmittel Alkohol und Medikamente etabliert. Zunehmend gibt es Selbsthilfegruppen für pathologische Glücksspieler, Ess- und Brechsüchtige.

Einer Statistik der fünf Abstinenzverbände aus dem Jahre 1996 folgend, hatten sich zu diesem Zeitpunkt etwa 90.000 Gruppenteilnehmer in 4.500 Gruppen innerhalb der traditionellen Abstinenz- und Selbsthilfeverbände organisiert. Hochgerechnet kann man davon ausgehen, dass bundesweit etwa 147.000 suchtkranke Menschen Mitglied in einer von 8.000 Selbsthilfegruppen sind.

Die fünf großen Abstinenzverbände sind:

  • Blaue Kreuz in Deutschland (BKD)

  • Blaue Kreuz in der Evangelischen Kirche (BKE)

  • Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe - Bundesverband

  • Kreuzbund - Bundesverband

  • Guttempler in Deutschland

Alle Verbände sind gemeinnützige, eingetragene Vereine.

Die drei erstgenannten Verbände arbeiten unter dem Dach der Diakonie; der Kreuzbund ist mit der Caritas verbunden und die Guttempler in Deutschland haben sich dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband angeschlossen. Die Guttempler in Deutschland und das Blaue Kreuz in Deutschland sind darüber hinaus in internationalen Organisationen eingebunden.

Längst aber beschränkt sich die Suchtselbsthilfe nicht allein auf die fünf traditionellen Verbände. Seit ca. 20 Jahren haben sich Suchtselbsthilfegruppen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) angeschlossen. Diese Gruppen sind entweder als eingetragene Vereine sogenannte korporative Mitglieder der AWO oder Gruppen der jeweiligen Orts- und Kreisverbände der AWO. Der Bundesverband der AWO unterstützt die inzwischen fast 200 Gruppen durch die Koordination ihrer Arbeit, durch Fortbildungsmaßnahmen, Praxisbegleitung und Beratung.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bietet seit Beginn der siebziger Jahre Suchtselbsthilfegruppen die Möglichkeit, Selbsthilfearbeit für Suchtkranke oder Suchtgefährdete in Kreisverbänden und Ortsvereinen anzubieten. In den derzeit bundesweit ca. 120 Gruppen finden alle Betroffenen, die nicht Mitglied des DRK sein müssen, Achtung und Akzeptanz. Seit 1989 werden durch den Bundesverband des DRK Fortbildungsveranstaltungen für Leiter/innen von Suchtselbsthilfegruppen organisiert.

Alle hier genannten Gruppierungen verstehen sich als Teil des Behandlungsverbundes und arbeiten mit dem professionellen System der Suchtkrankenhilfe zusammen. Sie sind direkt oder über ihre Hauptträgergruppen Mitglied in der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS).

Suchtselbsthilfegruppen gibt es ferner im Bereich von Suchtberatungsstellen und Therapieeinrichtungen; zudem bilden sich spezielle Gruppen für junge Abhängige. Diese Gruppen verstehen sich als sogenannte „freie" Suchtselbsthilfegruppen, die sich keinem Verband anschließen wollen. Sie werden entweder von Mitarbeitern/innen der Beratungsstellen betreut und/oder sie kooperieren mit den Selbsthilfe-Kontaktstellen.

Suchtselbsthilfe in der ehemaligen DDR

Auch in der ehemaligen DDR gab es eine Suchtselbsthilfebewegung. So wurde im Kirchenland Brandenburg 1966 der Suchtgefährdetendienst ins Leben gerufen, dessen Arbeitsweise und Angebote denen der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft gegen die Suchtgefahren (AGAS; heute Gruppen des Blauen Kreuzes in Deutschland) entsprach. Träger waren die Innere Mission und das Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg.

Ab den siebziger Jahren entwickelten sich weitere therapeutische Gruppen und Klubs Abhängiger, die unter der Schirmherrschaft des staatlichen Gesundheitswesens standen und einen freiwilligen Zusammenschluss von Alkohol- und Medikamentenabhängigen unter Einbeziehung der Angehörigen darstellten (1986 ca. 250 Gruppen). Die Gruppen sind z.T. heute freie Selbsthilfegruppen, haben eigene Vereine gegründet oder sich bestehenden Verbänden angeschlossen.

Eine einschneidende Veränderung gab es im Blauen Kreuz im Zuge der Teilung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg. In der DDR konnte das BKD als Verein nicht weiterbestehen. Doch kurze Zeit nach dem Verbot gründeten engagierte Mitarbeiter des bisherigen Blauen Kreuzes, der Kirchen und der Gemeinschaftsbewegung die Evangelische Arbeitsgemeinschaft gegen die Suchtgefahren (AGAS) mit Sitz in Dresden. Die AGAS entwickelte sich sehr bald zum Sammelbecken der gesamten kirchlich orientierten Suchtkrankenhilfe auf dem Boden der DDR und beschäftigte selbst ca. 30 hauptamtliche Mitarbeiter, die die Suchtkrankenhilfe koordinierten, Hausbesuche durchführten und die AGAS-Gruppen leiteten. Mit der Wiedervereinigung schloss sich die AGAS dem BKD an, während andere Gruppen sich den Freundeskreisen angliederten oder als freie Gruppen eigenständig blieben.

Die Anonymen Alkoholiker (AA)

Zu erwähnen sind noch die Gruppen der Anonymen Alkoholiker, die man als Begründer der modernen Selbsthilfebewegung bezeichnen kann. In Deutschland entstand 1953 die erste AA-Gruppe in München; in der Folge entstanden Gruppen von Angehörigen von Alkoholikern (AL ANON) und Kinder von Alkoholikern (AL ATEEN), die alle nach dem Programm der AA (zwölf Schritte, zwölf Traditionen) arbeiten. Das spirituelle Programm der Alkoholiker erwies sich zudem als sehr anpassungsfähig. Heute gibt es über dreißig verschiedene Gruppen, die nach diesem Programm arbeiten. Von Ess- und Brechsüchtigen, Fresssüchtigen, Spielsüchtigen bis hin zu Gruppen von Drogenabhängigen (Narcotic Anonymous, NA), die sich ebenfalls auf das Programm der AA beziehen.

1985 entstanden auch in der DDR unter dem Schutz der Kirche erste AA-Gruppen. Heute arbeiten rund 2.300 AA-Gruppen bundesweit. Sie sind nirgends angeschlossen und arbeiten frei von Organisation und Bindungen.

Aus den AA in Amerika ist 1958 die Organisation Synanon hervorgegangen. In Deutschland gibt es seit 1971 in Berlin eine Synanon-Gemeinschaft. In Synanon und den Folgegemeinschaften wird nach demselben Konzept gearbeitet – hier leben und arbeiten Süchtige selbstorganisiert und selbstverwaltet zusammen.

Ebenfalls Anfang der siebziger Jahre entstanden als Folge der aufkommenden Drogenproblematik in Deutschland die Gruppen der Elternkreise drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher. 1973 schlossen sich die damals bestehenden Elternkreise zum „Bundesverband der Elternkreise" (BVEK) zusammen. Dem BVEK gehören heute ca. 180 Elternkreise an.

Kreuzbund

Der Kreuzbund wurde 1896 von Pfarrer Joseph Neumann, dem späteren Dominikanerpater Anno - mitbetroffen durch die Alkoholabhängigkeit seines Bruders - gegründet.
Seit der Gründung prägen engagierte Männer und Frauen auf der Grundlage Nächstenliebe in entscheidender Weise das Werden und Wirken des Kreuzbundes.
Die Sorge um Alkoholkranke und ihre Angehörigen hat im KREUZBUND Tradition und ist bis heute (neben der Medikamentenabhängigkeit) Schwerpunkt und Inhalt der Kreuzbundarbeit.
Der KREUZBUND heißt jeden willkommen. Er macht keine Unterschiede in Religion, Hautfarbe, Stand etc.

Guttempler

Die Guttempler haben sich im Jahre 1851 in der Stadt Utica im US-Staat New York als "Independent Order of Good Templars" - als "Unabhängiger Guttempler-Orden" gegründet.
Die Guttempler fühlen sich verantwortlich für den Nächsten wie für sich selbst und bieten jedem Menschen, gleich welcher Rasse, Nation und Geschlecht, ihre Hilfe an.
Die Organisation der Guttempler ist politisch ungebunden und es gelten weder religiöse noch weltanschauliche Schranken.

Blaues Kreuz

Am 21.09.1877 wurde der erste Blaukreuz-Verein in Genf durch den Schweizer Pfarrer Louis-Lucien Rochat mit weiteren 27 Personen gegründet. Alle verpflichteten sich durch Unterschrift zur Alkoholenthaltsamkeit.
Die Männer und Frauen der Gründergeneration verglichen sich, in Anlehnung an das kurz zuvor gegründete Rote Kreuz, mit "Krankenträgern, die sich auf dem Kampfplatz des Lebens begeben, um die Opfer der Trunksucht und des Wirtshauslebens zu retten".
Daher das Symbol des Kreuzes; die Farbe Blau war seit jeher die Farbe der Abstinenzbewegungen im angelsächsischen Raum.

Quelle: DHS - Kreuzbund - Blaues Kreuz - Guttempler

 

 

   
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Last update: 27.05.10 21:18:35 +0200

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