Feierabend

Die Bundesdrogenbeauftragte Marion Caspers-Merk hat ihren Bericht vorgestellt. Erschreckend hoch ist die Zahl der Alcopop-Süchtigen. Jetzt soll der Trend gestoppt werden: mit Sonderabgaben, Kennzeichnungen und Aufklärung. Reicht das?

Alcopops sind bei Jugendlichen in Mode: Die Alkohol-Mixgetränke sind „bunt, trendy, taschengeldfähig und schulranzengängig“, stellt Marion Caspers-Merk fest. Die SPD-Politikerin und Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat sich dennoch das Ziel gesetzt, den Teenies den Geschmack an den süßen, aber hochprozentigen Getränken zu verderben. Caspers-Merk schlägt Alarm, weil sie bei Kindern und Jugendlichen einen neuen Trend zum „Koma-Trinken“ festgestellt hat. Vor allem die Alcopops tragen nach Ansicht der Drogenbeauftragten dazu bei, dass der Einstieg in den Alkoholkonsum „jünger und heftiger“ wird.

Nach einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums, die Caspers-Merk am Donnerstag vorstellte, ist die Zahl der Zehn- bis 17-Jährigen, die mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus kamen, zwischen 2000 und 2002 um 26 Prozent gestiegen. Das „Trinken bis zum Umfallen“ ist kein männliches Phänomen. Im Jahr 2002 waren etwa die Hälfte der 452 eingelieferten Patienten Mädchen.

Die Mixgetränke (etwa Smirnoff Ice oder Rigo) haben das Bier bei den Jugendlichen von Platz eins der Beliebtheit verdrängt. Der Absatz der Alcopops sei zwischen Mai 2001 und April 2002 um 325 Prozent gestiegen, berichtet die Drogenbeauftragte. Jeder zweite Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, so eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, greift einmal im Monat zu Alcopops.

Schuld daran ist laut Caspers-Merk auch die „aggressive Vermarktung“ der Produkte, die bei vielen Veranstaltungen ausgeschenkt werden. Auch der Berliner Lehrer Heinz Kaufmann hält die Alcopops für den „schlauesten Schachzug der Alkoholindustrie“. Denn mit dem Angebot eines Getränks für Jugendliche gelinge es, das Jugendschutzgesetz zu unterlaufen: „Lehrern, Eltern und Schülern ist häufig gar nicht bewusst, dass diese Alcopops nicht in die Kategorie von Bier und Wein fallen, also nicht ab 16 Jahren verkauft werden dürfen“, sagt Kaufmann, der Mitglied der Arbeitsgruppe Suchtprophylaxe in den Schulen in Berlin ist. „Alcopops schmecken zwar süß, sind aber branntweinhaltig“, sagt Kaufmann. Auf diese Weise gebe es auf keiner Seite ein Schuldbewusstsein – weder bei Eltern, noch bei Lehrern und Schülern.

Die Bundesregierung will den Trend zu den gefährlichen Alcopos stoppen: über eine Sonderabgabe, über bessere Kennzeichnungen und über mehr Aufklärung. Zum 1. Juli sollen Alcopops teurer werden. Geplant ist eine Abgabe in Höhe von 87 Cent pro Flasche mit 5,5 Prozent Alkohol. Durch die Verteuerung lasse sich der Konsum drosseln, hofft Caspers-Merk. Das Geld aus der Abgabe soll gezielt dafür verwendet werden, die Prävention für Jugendliche zu fördern.

Unterstützung erhält die Bundesregierung aus den Ländern. Baden-Württembergs Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) warnt jedoch davor, sich Wunder von der Verteuerung zu erwarten. Der Konsum bei den Jugendlichen werde aber immerhin zurückgehen, sagte sein Sprecher. Protest kommt nur von der FDP: Der Landesverband Sachsen wird an diesem Wochenende beschließen, die Sondersteuer strikt abzulehnen, „da sie lediglich eine Entmündigung der Bürger und eine Abzocke“ sei, wie ein FDP-Landtagskandidat sagt. Der Berliner Lehrer Kaufmann weiß dagegen aus den Gesprächen mit seinen Schülern, dass diese nur bis zu einer preislichen Schmerzgrenze zahlen können.

Deutlich lesbare Kennzeichnungen auf den Flaschen sollen künftig außerdem darauf hinweisen, dass das Getränk nur an Volljährige ausgegeben werden darf. „Der Warnhinweis soll helfen, das Risiko richtig einzuschätzen“, begründet Caspers-Merk. Eine Maßnahme, mit der sich auch der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL) gut anfreunden kann. „Das hilft unseren Händlern, bei über 2000 Mixgetränken schneller zu unterscheiden“, sagte Verbandssprecher Christian Mieles. Die Kennzeichnung müsse jedoch möglichst neutral sein, fordert der BVL-Vertreter. Eine „Warnung“ könnte aus seiner Sicht schon wieder kontraproduktiv wirken. „Das erhöht den Reiz des Verbotenen bei den Jugendlichen“, sagt er.

Der Konzern Diageo, mit Bacardi einer der führenden Hersteller von Alcopops, weist auf seinen Flaschen bereits auf die Altersgrenzen hin, die das Jugendschutzgesetz vorgibt. „Wir haben strenge Gesetze. Das Problem ist, dass diese nicht angewendet werden“, beklagt Konzernsprecher Holger Zikesch. Für mehr Gesetzestreue wollen die Länder Baden-Württemberg und Brandenburg in einer gemeinsamen Initiative werben. Die Strafbehörden müssten sich stärker darauf konzentrieren, Verstöße beim Verkauf von Alcopops an Jugendliche zu ahnden, sagte der Sprecher von Baden-Württembergs Sozialminister Repnik. Der Bußgeldrahmen solle voll ausgeschöpft werden. Derzeit bleibe es zu oft bei Verwarnungen. Das Thema soll die nächste Jugendministerkonferenz Mitte Mai beschäftigen.

Mit einer strengeren Selbstkontrolle arbeiten die ersten deutschen Tankstellen. Beim Kassieren leuchtet bei alkoholischen Getränken ein automatischer Warnhinweis auf: „Ist der Kunde schon volljährig?“

Quelle: Der Tagesspiegel 23.04.2004 / Artikel geschrieben von Deike Diening und Cordula Eubel

 

 

   
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Last update: 27.05.10 21:18:36 +0200

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