"Kinder unterschätzen Alcopops"

Die Suchtexpertin Surrmann

hat Tipps für Eltern und Schüler

Frau Surrmann, sind Alcopops gefährlicher als andere Drogen?
Die spezifische Gefahr bei den Alcopops liegt nicht in der Sache selbst, sondern in der Einschätzung der Jugendlichen. Die sind nämlich des guten Glaubens, Alcopops seien längst nicht so gefährlich wie Bier oder Wein. Lehrer berichten mir auch, dass es ein großes Problem mit muslimischen Schülern gibt, die ja eigentlich keinen Alkohol trinken dürfen. Sie glauben, diese Getränke enthielten keinen Alkohol und seien erlaubt.

Aber der Alkoholgehalt steht doch für jeden sichtbar auf den Flaschen!
Wenn man will, kann man alles glauben. Und die Aufmachung dieser Getränke fordert diesen Irrglauben heraus. Sie sehen bunt und kindlich aus, und die Verharmlosung liegt schon in den Namen.

Sollten also Alcopops generell verboten werden?
Das würde vermutlich nicht viel helfen. Das grundsätzliche Problem liegt woanders. Kinder lernen heute häufig nicht mehr, auf ihr Unwohlsein anders als mit Drogen zu reagieren.

Wer ist besonders gefährdet?
Pauschal gesagt gibt es an Hauptschulen ein größeres Alkoholproblem als an Gymnasien. Aber auch der Charakter des Alkoholkonsums ist zu unterscheiden: Es gibt die Phase, in der Alkohol für den Sprung in die Erwachsenenwelt benutzt wird. Das sind die „Probierer“, ihr Trinken ist normales Pubertätsverhalten. Ablösung von den Erwachsenen ist das Ziel. Die merken, dass ihnen das nicht gut tut, und lassen es bald wieder bleiben. Wahrhaft gefährdet sind jedoch diejenigen, die permanent mit Alkohol Stress abbauen.
Eine Umfrage unter 8155 Berliner Sechstklässlern hat zum Beispiel ergeben, dass diejenigen, die noch nicht in Kontakt mit Alkohol oder Rauchen gekommen waren, etwa auf Bauchschmerzen mit vielen verschiedenen Möglichkeiten reagieren: Gespräche, Tee, Wärmflaschen oder einer Tablette. Diejenigen, die rauchten oder Alkohol tranken, sagten fast einstimmig, dass sie eine Tablette nehmen. Sie wollen etwas, das sofort funktioniert. Das tun Drogen.

Was kann man Eltern raten?
Ein Glaube ist bei Eltern weit verbreitet: Viele erzählen mir, es sei ihnen lieber, wenn ihre Kinder kontrolliert bei ihnen im Wohnzimmer trinken statt heimlich auf der Straße – wenn schon, dann unter Aufsicht. Doch ganz im Gegenteil: Das ist viel gefährlicher als das „rebellische“, verbotene Trinken. Denn es suggeriert, zu Hause auf dem Sofa Alkohol zu trinken sei eine alltägliche Handlung. Das hat Modellwirkung. Wie gefährlich Alcopops eigentlich sind, können viele Eltern nicht einschätzen. Deren erzieherische Sicherheit ließe sich mit Elternabenden stärken.

Und wie können die Lehrer helfen?
Auch die Lehrer können etwas tun. Sie sollten sich in Gesprächen – und nicht durch Abfragen – ein Bild von der Lebenssituation der Kinder machen. Schüler, die unter Stress stehen, sollten sie gezielt ansprechen. Das Problem ist nicht das Vorhandensein der Drogen, sondern, dass Kinder und Jugendliche diese Drogen „brauchen“. Diesen Zusammenhang und die Gründe dafür sollte man sich ehrlicher ansehen.

Elvira Surrmann (57) ist Referentin für Suchtprophylaxe bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport.

Quelle: Der Tagesspiegel 23.04.2004 / Das Gespräch führte Deike Diening

 

 

   
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Last update: 27.05.10 21:18:37 +0200

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