Der kurze und der lange Weg zum Alkoholismus

Es gibt zwei Wege, die zum Alkoholismus führen. Es kann sein, daß jemand schon bei einem der ersten Rauscherlebnisse zu der Überzeugung kommt, daß er den Alkohol braucht. Er entdeckt, daß Trinken für ihn das Mittel ist, um Spannungen, Unlust und Probleme zu beseitigen. Der Rausch ist ein positives Erlebnis, er sucht ihn immer wieder. Schon nach relativ kurzer Zeit (etwa 3 Jahren ) kommt es zum Kontrollverlust. Man spricht bei diesen Alkoholikern von "Zwangstrinkern".

Der zweite Weg führt erst nach vielen Jahren zum Alkoholismus. Jemand trinkt jahrelang viel, ohne dabei besonders aufzufallen. Eines Tages merkt er dann, daß er sich nicht mehr in der Hand hat, daß er ohne Rausch nicht mehr leben kann. Bis es soweit kommt, können Jahrzehnte vergehen. Diesen Typ nennt man "Gewohnheitstrinker".

Beim ersten Typ steht eine Persönlichkeitsstörung in Vordergrund. Der Alkohol wurde nur zufällig das Mittel der Wahl, um mit dieser Störung fertig zu werden. Zu dieser Gruppe gehört in allen Ländern etwa 1 % der alkoholtrinkenden Bevölkerung.

Im zweiten Fall löst der Alkohol Persönlichkeitsveränderungen aus. Die Größe dieser Gruppe hängt davon ab, wie viel Alkohol in einer Gesellschaft getrunken wird.

So entspricht das Verhältnis der beiden Gruppen zueinander in Frankreich eins zu fünf, in Holland eins zu eins, bei uns eins zu drei.

Die Abhängigkeit vom Alkohol beruht auf der bereits geschilderten abnormen Methode des Körpers, Alkohol abzubauen. Sie entwickelt sich zwangsläufig, wenn man regelmäßig mehr trinkt, als mit dem normalen Enzymsystem (ADH) abgebaut werden kann. Das Hilfsenzymsystem wird durch einen Nachrichtenvermittler, das sogenannte DNA-Molekül, in Tätigkeit gesetzt. Ebenso wie man durch die Entwicklung einer spezifischen Immunität  nicht zum zweiten Male Masern bekommen kann, vermag der Organismus, wenn er das DNA-Molekül erst einmal entwickelt hat, niemals mehr normal auf Alkohol zu reagieren. Bei wem es einmal bis zum Kontrollverlust gekommen ist, der behält diese Neigung für den Rest seines Lebens, auch wenn er Jahre hindurch abstinent lebt. Allerdings gibt es keine biologische Regel ohne Ausnahme, aber beim Alkoholiker sind solche Ausnahmen eine extreme Seltenheit.

Die Tatsache, daß in Frankreich ca. 15 % der arbeitenden Bevölkerung Alkoholiker sind, in der Bundesrepublik dagegen "nur 4 %", daß jeder Alkoholiker der Anlage nach eine gestörte Persönlichkeit ist. Es ist unwahrscheinlich, daß es in Frankreich fast viermal soviel Neurotiker und Psychopathen gibt wie bei uns.

Es ist eher so, daß, wenn es in einer Gesellschaft üblich ist, Alkohol zu trinken. Wie viele Menschen zuviel trinken, hängt von der Höhe des "normalen" Konsums ab und von der noch tolerierten Abweichung von dieser Norm.

Die Grenze zwischen dem "normalen" und dem "übermäßigen" Konsum wird letztlich dadurch bestimmt, ob die Gesellschaft es "normal" findet, ein, zwei oder drei Gläschen vor dem Essen zu trinken. Solch gesellschaftlichen Normen bestimmen auch, wieviel man zusätzlich trinken darf, wenn Karneval oder Geburtstag gefeiert wird.

Bei uns gelten ein bis drei Glas alkoholhaltiger Getränke pro Tag als normaler Konsum. Der größte Teil der Bevölkerung trinkt dieser Norm entsprechend, wobei aber Abweichungen nach unten und nach oben vorkommen. Diejenigen, die sich an der oberen Grenze der Abweichung bewegen, die bei etwa 20 Glas pro Woche liegt, sind in einer Gefahrenzone, d.h. sie können eines Tages alkoholabhängig werden.

Der mittlere Pro-Kopf-Verbrauch - 1970 bei uns mehr als 11 l reiner Alkohol pro Kopf pro Jahr - wird stark beeinflußt durch die kleine Gruppe von Vieltrinkern. Er besagt nicht viel über das Problem des Alkoholismus und ist lediglich für die Produktion und das Steueraufkommen von Interesse. wichtig ist dagegen die Erkenntnis, daß es anscheinend in jeder Gemeinschaft eine Gruppe von Menschen - etwa 1 % der Gesamtheit - gibt, denen jedes Mittel recht ist, um den Spannungen und Problemen des Lebens auszuweichen. In unseren westlichen Ländern war und ist es noch heute traditionellerweise der Alkohol, in asiatischen Ländern sind es Opium oder Cannabisprodukte. Aber - wie vieles andere - beginnen auch unsere abhängigkeitsverursachenden Drogen mehr und mehr untereinander auszutauschen.

Quelle: Senator für Gesundheit und Umweltschutz (1977)

 

 

   
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Last update: 27.05.10 21:18:37 +0200

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